„Widerstand statt Gegenstand“ – Emotionale Buchlesung mit Lilly Lindner

Lilly Lindner Quer

„Schönheit ist das, was wir sehen, wenn wir aufhören, nach etwas zu suchen, das schöner ist.“ (Splitterfasernackt, 2011)

… das habe ich auf ein nacktes Blatt Papier geschrieben. Anschließend habe ich das Papier zerfetzt,weil die Welt um mich herum hässlich war. Meine beste Freundin Lady hat den Zettel wiederzusammengeflickt. Sie hat den Kopf über mich geschüttelt, als hätte ich versucht, das Alphabet zu verbrennen.  

Und dann, an einem viel zu kaputten Tag, an dem ich wusste: „Niemand ist hungriger als die Zeit,niemand verschluckt mehr Menschen“, da hat Lady diesen einen Satz zu mir gesagt. Ich habe ihr kaumzugehört. Aber ich habe verstanden: Sie hat meine Worte aufgehoben, sie hat sie durch die Zeit getragen.

So wie ihr heute. Danke. Für alles das. Ohne euch wären es nur Worte. Ihr macht daraus Leben. Lilly Lindner

Lilly Lindner

Minutenlang herrschte Stille in der Aula der Jeetzeschule in Salzwedel,

nachdem Lilly Lindner ihre Lesung beendet hatte, viele unserer Schülerinnen und Schüler des Psychologiekurses hatten Tränen in den Augen. Mit unglaublicher Intensität hatte die Berliner Bestsellerautorin Lesung gehalten.

Sie rezitierte mit leiser, eindringlicher Stimme auswendig lange Passagen ihres Romans „Bevor ich falle“ und ihrer autobiografischen Werke „Splitterfasernackt“ und „Winterwassertief„, die sie immer wieder mit pantomimischen Darstellungen zu melancholischer Independent-Musik unterbrach. Wie in ihren Büchern ging es auch in den Zwischenspielen um Gedanken und Worte, so verteilte sie gleich zu Beginn der Lesung Manuskripte, Notizen und Briefe auf dem Boden, später überreichte sie dem Publikum Karteikarten mit Gedanken und warf rote Wollknäuel durch die Bänke, die ihre „verwirrten Gedanken“, wie sie sie nennt, symbolisierten.

Aus den ebenso berührenden wie versiert zusammengefügten Worten ihrer Schriften sprang der Funke auf ihre jungen Zuhörer über. Der Roman der talentierten Schriftstellerin trägt starke autobiografische Züge, es geht um Selbstmord von ihr nahestehenden Menschen, um Schein und Sein, um Schönheit und um Konkurrenzdenken. „Es sind Männer, die die größten Schäden bei Frauen anrichten, aber es sind Frauen, die diese Schäden entdecken“, schreibt sie.

In jeder Zeile und mit jedem Wort ist deutlich zu spüren, dass ihr Auftritt nicht gespielt ist, sondern die Verarbeitung bitterer Realität. In dieser wurde Lilly Lindner schon als sechsjähriges Kind von einem Nachbarn missbraucht, erkrankte mit 13 an Magersucht und wurde als 17-jährige verschleppt und mehrfach vergewaltigt.

„Ich möchte euch nicht herunterziehen“, sagte sie am Schluss ihrer Lesung, „aber ich möchte euch erzählen, was Gewalt ist.“

Lilly Lindner A

Lilly Lindner wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits mit fünfzehn begann sie autobiographische Texte und Romane zu schreiben. Ihr Debüt „Splitterfasernackt“ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Zuletzt erschienen von ihr das Jugendbuch „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin“ und „Winterwassertief„.

Derzeit steht sie bei Droemer Knaur, S. Fischer Verlag und Bastei Lübbe unter Vertrag.

 

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